Gisela Manzel

Geschichte und Geschichten auf Reinbeks Weg zur Stadt

Vom Kloster bis zum Amt

Als Gründungsurkunde Reinbeks gilt die Urkunde von 1238, in der Graf Adolf IV. von Holstein und Schauenburg das „Kloster der Heiligen Maria Magdalena zu Reinbek“ mit großen Ländereien ausstattet und die bereits vorhandenen Besitzungen bestätigt.

Wie muss man sich unsere Region zu Beginn des 13. Jahrhunderts vorstellen?

Friedrich II. (1194–1250), Enkel des Stauferkaisers Friedrich Barbarossa, war seit 1220 römisch-deutscher Kaiser. Er war durch seine Mutter auch König von Sizilien. Von den 30 Jahren seiner kaiserlichen Regierungszeit hielt er sich jedoch die meiste Zeit in Italien auf. Den Weg über die Alpen fand er nur selten. Wie weit der Kaiser weg war, macht deutlich, dass die Dänen damals versuchten, ihr Reich bis an die Elbe auszudehnen und ihnen von Seiten des Reiches kein direkter Widerstand entgegentrat.

Adolf VI. von Holstein-Schauenburg

Eine Koalition norddeutscher Fürsten, Bischöfe und Städte unter der Führung Adolf IV. von Holstein-Schauenburg stellte sich den Dänen entgegen. Am 22. Juli 1227 kam es bei Bornhöved zur Schlacht. Der dänische König Waldemar II. verlor den Kampf.

Nach einer legendenhaften Überlieferung soll Graf Adolph der Tagesheiligen Maria-Magdalena gelobt haben, im Falle eines für ihn günstigen Ausgang der Schlacht, der Welt zu entsagen und in ein Kloster einzutreten.

Eine Handschrift aus dem 14.Jahrhundert, stellt die Schlacht bei Bornhöved dar. Während des Kampfes erschien die Schutzheilige, von Graf Adolf um Hilfe angefleht, und lenkte mit ihrem Gewand die Sonnenstrahlen, die dem holsteinischen Heer ins Gesicht schienen, auf das dänische ab. Wahrscheinlich hat eine Wolke dieses Phänomen verursacht, aber dem Gelübde verdanken wir Reinbeker vermutlich die großen Landschenkungen an das Kloster.

Einer der Sieger von Bornhöved war also Adolf IV. „Edler Herr von Schauenburg und Graf von Holstein und Stormarn“. Für ihn bedeutete der Sieg von Bornhöved die Rückeroberung der Grafschaft Holstein, die sein Vater an Dänemark verloren hatte. Dieser Obelisk steht in Bornhöved auf dem Adolfplatz.

Er trägt die Inschrift:

„Gegen dänische Fremdherrschaft wahrte mit dem Schwerte der holsteinische Graf Adolf IV. das eigene Recht des Reiches Nordmark. Zur Erinnerung an die Schlacht von Bornhöved 22. Juli 1227 Errichtet am 22. November 1874.”

Wer war Adolph IV., „Edler Herr von Schauenburg und Graf von Holstein und Stormarn“,

der mit der Urkunde von 1238 dem Maria-Magdalenen-Kloster in Reinebeke Wälder, Felder, Wei-den, Gewässer, Ödflächen und ganze Dörfer wie Ohe, Schönningstedt und Glinde sowie das halbe Dorf Hinschendorf schenkte?

Graf Adolf, vor 1205 geboren, starb 1261 in Kiel. Er gründete die Städte Kiel, Oldenburg in Holstein sowie Itzehoe und in seinem Schauenburger Land Stadthagen und Rinteln.

1238 beteiligte er sich an einem Kreuzzug nach Livland,

unterschrieb – 11 Jahre nach dem Gelübde von Bornhöved – die Schenkungsurkunde für das „Maria-Magdalenen-Kloster in Reinebeke“,

übertrug im selben Jahr seinen damals noch unmündigen Söhnen Johann und Gerhard die Herrschaft über seine Besitzungen …

und trat als Franziskanermönch in das Hamburger Maria-Magdalenen-Kloster ein.

Einige Jahre später wechselte er in das von ihm gegründete Marienkloster in Kiel. Wenig später wurde er Bettelmönch im Franziskanerorden. Dort blieb er bis zu seinem Tod 1261.

Diese Bronzeplastik von Karl-Henning Seemann (2005) zeigt Adolf IV. beim Ablegen seiner Rüstung und dem Überstreifen einer Mönchskutte. Die Plastik steht in der Grünanlage des Kieler Klosters.

Das Kloster Reinbek

Neben dem Kloster Preetz war Reinbek das einzige Frauenkloster in Holstein, ein Zisterzienserinnen-Kloster. Und es war in seiner besten Zeit sehr wohlhabend. Es waren nicht weniger als 37 Dörfer, die nach Unterlagen von 1465 zum Klosterbesitz gehörten. Die meisten Ländereien waren dem Kloster geschenkt worden, es wurden aber auch Besitzungen hinzugekauft.

Die Gründung des Klosters Reinbek erfolgte im heutigen Sachsenwaldau. Das Kloster verlegte später seinen Sitz kurzzeitig in das Dorf Köthel am Oberlauf der Bille. Irgendwann muss bei den Nonnen der Wunsch gereift sein, das Kloster in den Mittelpunkt des umfangreichen Klosterbesitzes zu verlegen. Eine Schenkung umfasste auch die im damaligen Dorf Hinschendorf gelegene Wassermühle am Mühlenteich. Dorthin verlegten die Nonnen der Heiligen Maria-Magdalena nun ihr Kloster. Es lässt sich aber nicht genau sagen, wann das geschah.

Erst 1251 findet sich in einer Urkunde eine nähere Grenzbeschreibung, aus der hervorgeht, dass das Kloster bereits umgezogen war. Der Name Reinbek wurde hierher mitgenommen. Die Reformation gewann auch in unserer Region rasch Anklang. Johannes Bugenhagen schrieb 1528 an Martin Luther, dass die Nonnen, abgesehen von Kleidung und Gesang, wenig Nonnentum an sich hätten.

Vom Kloster Reinbek berichtete die damalige Äbtissin Anna von Plessen an Bugenhagen, dass sie schon sieben Nonnen in die Ehe entlassen hätte, und sie wolle solange bleiben, bis alle Nonnen versorgt seien.

Bevor die Nonnen das Kloster verließen, um zu ihren Familien zurückzukehren, verkauften sie 1529 die Klostergebäude einschließlich aller sonstigen Besitztümer für 12.000 Mark an König Friedrich I. von Dänemark und Norwegen.

Aus den Klosterdörfern wurden nun Amtsdörfer. Das Reinbeker Kloster hatte – 290 Jahre nach seiner ersten Nennung 1238 – aufgehört zu existieren.

Wenige Jahre nach Auszug der Nonnen wurde das Kloster durch marodierende Truppen geplündert und die Gebäude niedergebrannt. Das Foto zeigt die Grabungen vor dem Schloss Reinbek auf der Suche nach Resten des Klosters. Heute bedeckt eine Rasenfläche dieses Areal.

Im Jahr 1533 starb Friedrich I. von Dänemark. Das Erbe für dessen minderjährige Söhne wurde zunächst vom wesentlich älteren Halbbru-der verwaltet.

1544 teilten Adolf, sein Bruder Johann und ihr Halbbruder König Christian III. von Dänemark die Herzogtümer Schleswig und Holstein nach ungefähr gleicher Steuerkraft.

Als Jüngstem der drei Brüder stand Adolf bei der Erbteilung die erste Wahl zu. Dabei fielen an ihn unter anderem die Ämter Reinbek, Trittau und Tremsbüttel. Da er auch das Gebiet mit dem Schloss Gottorf wählte, hieß diese Herrscherlinie von da ab „Schleswig-Holstein-Gottorf“.

Als Herzog Adolf sein Erbe antrat, schrieb er an seinen Bruder Christian:

„Ich bin ein zunächst armer, unvermögender Fürst, mit schweren Schulden beladen“.

Die schlechte Finanzlage war das Hauptproblem für Adolf. Zielbewusst ging er aber daran, etwas dagegen zu unternehmen. In den ersten Jahrzehnten erfolgte dies meist auf fremdem Territorium. So trat er mit 21 Jahren in den Dienst Kaiser Karls V. und nahm in dessen Gefolge an mehreren Reichstagen teil.

Bis 1553 war er in die Organisation der Kriegsführung des Kaisers eingebunden und warb Truppen an. Danach erhielt er eine Stellung als Ratgeber beim Sohn Karls V., dem spanischen Kronprinzen Philipp II.

In dieser Stellung unterstützte er den Herzog von Alba bei der Niederschlagung des Freiheitskampfes der protestantischen Niederlande (obwohl er einem protestantischen Elternhaus entstammte!).

Eine Überlieferung berichtet, dass dies nicht unerwähnt blieb, als er nach Holstein zurückkehrte. Der Pastor der Stadt Husum soll sich in einer Predigt im Beisein des Herzogs so ausgedrückt haben:

„Wir danken dem allerhöchsten Gott, der unserem gnädigen Landesfürsten mit guter Gesundheit hierher verholfen hat, aber wem hat er gedienet? Dem Teufel und seiner Mutter!“

Das nahm der Herzog dem Pastor aber nicht übel. Er soll ihn hinterher sogar an seine Tafel gebeten und während des Essens scherzend gesagt haben:

“Vater, es gab stark‘ Bier in der Kirchen.”

Der Drang, Abenteuer zu erleben und der Wunsch nach Besoldung waren sicher eine starke Triebfe-der für Adolfs Handeln. Dies zeigt sich auch in seinen ehrgeizigen Heiratsplänen. Er richtete sein Augenmerk auf die spätere Königin Maria („die Blutige“) von England, dann auf die Herzoginwitwe Christina von Lothringen.

Danach war Königin Elisabeth von England die Auserkorene. Er erhielt wieder einen Korb … aber auch eine lebenslange Pension.

Erst 1564 lief er in den Hafen der Ehe ein und heiratet Christine von Hessen.

Aber schon seit Mitte der 1550er Jahre war Adolf in seinem Herzogtum aktiv – er baute.

Die Renaissance hatte sich durchgesetzt. Der Herzog baute in diesem Stil drei neue Schlösser:

zwischen 1572 und 1576 Schloss Reinbek,

danach die Schlösser

Husum, Trittau und Tönning.

Foto: Schloss Husum, die Schlösser Trittau und Tönning existieren nicht mehr

Außerdem ließ er Schloss Gottorf umbauen.

Nach dem Tode Herzog Adolfs, er starb 1586 in Kiel, erhielt das Reinbeker Schloss den Status eines Leibgedinges. Seine Witwe Christine weilte so hin und wieder in Reinbek. In späterer Zeit diente das Schloss anderen herzoglichen Witwen ebenfalls als Wohnstatt.

Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Reinbeker Schloss zuerst von schwedische und später durch kaiserliche Truppen besetzt, entging aber Plünderung und Zerstörung.

In der folgenden Zeit spielte es als herzogliche Residenz jedoch keine bedeutende Rolle mehr. Bis auf gelegentliche herrschaftliche Besuche war es jetzt

der Sitz des herzoglich-gottorfschen Amtmannes.

Von 1739 bis 1773 erlebte das Amt Reinbek seine „russische Zeit“

Herzog Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorf war das einziges Kind von Anna Petrowna (Tochter von Zar Peter dem Großen) und dem Gottorfer Herzog Karl-Friedrich.

Seine Tante, Zarin Elisabeth von Russland, blieb kinderlos und bestimmte ihn – als Sohn ihrer Schwester und einzigem Nachkommen – zum russischen Thronfolger. 1739, nach dem Tod seines Vaters Karl-Friedrich, erbte Karl Peter Ulrich auch den Herzogtitel. Das Herzogtum Gottorf, und damit auch Reinbek, gehörten nun zum russischen Zarenreich.

Der Sohn von Peter III. Paul, verzichtete 1773 zu Gunsten des dänischen Königs auf seinen vom Vater ererbten Anteil an Holstein (Vertrag von Zarskoje Selo).

Jetzt war Reinbek der südlichste Grenzort Dänemarks.

Das Schloss diente weiterhin als Amtssitz, jetzt als königlich-dänischer. Besuche des Königshauses waren in Reinbek aber selten. Die einstige Gottorfer Nebenresidenz diente fast ausschließlich als Verwaltungsbau. Da die laufenden Reparaturen bald als unangemessen für einen Verwaltungssitz erschienen, wurde um 1800 mehrfach über einen Abriss nachgedacht. Das konnte 1818 letztlich durch ein Gutachten des Regierungsbaumeisters Christian Frederik Hansen verhindert werden. Schloss Reinbek befand sich allerdings in einem zunehmend schlechten Zustand.

Das Amt Reinbek

Reinbek war, rund 350 Jahre nach seiner ersten urkundlichen Erwähnung, nun für ungefähr 300 Jahre das Amt Reinbek“ mit Amtssitz im Schloss Reinbek“

Die höchste Position im Amt Reinbek war die des Amtmannes; er war der Stellvertreter des Landesherrn. Zu seinen Aufgaben gehörte der militärische Schutz des Amtes, die Sicherung des inneren Friedens durch polizeiliche Maßnahmen und die Durchführung von Gerichtsbeschlüssen.

Der ranghöchste Mitarbeiter des Amtmannes war der Amtsschreiber. Er verwaltete das Steuerwesen, war Urkundsbeamter und bereitete Gerichts- und Verhandlungsprotokolle vor.

Amtmann Ludwig Heinrich Scholtz (1774–1854)

Ein weiterer Beamter des Amtes war der Hausvogt. Er hatte die Aufsicht über die Wege und das Fuhrwesen, die Unterhaltung der herrschaftlichen Gebäude, Brücken und Siele. Neben dem Führen des Einwohner-Registers oblag ihm die Aufsicht über die landwirtschaftlichen und polizeilichen Angelegenheiten.

Von einer vielleicht stetig wachsenden „Ansiedlung“ Reinbek war in dieser Zeit aber weit und breit nichts zu sehen. Es gab an der Weggabelung nach Hamburg und zu den Amtsdörfern Schönningstedt und Ohe aber bereits eine Krugwirtschaft und eine Schmiede.

Die Hausvogtei in der Bahnhofstraße

Zusammengefasst kann man sagen:

“Reinbek”

war also nach 290 Jahren Klosterzeit (1238–1529)

und knapp 50 Jahren „dazwischen“, (1529–1576)

für 300 Jahre überwiegend Sitz einer Verwaltungsbehörde (1576–1873).